Am Anfang ist der Werkstoff. Danach kommt die Bearbeitung, die in ein Produkt mündet. Unser Rohstoff ist die Kultur und unser Arbeitsprozess das Gespräch. Im Austausch formen wir neue Werkstoffe und machen sie dadurch erfassbar. Denn erst was sichtbar, hörbar oder lesbar ist, wird für andere Menschen verständlich.
Freitag, 1. Februar 2013
Zungenbrecher. Vom Wiederkauen der Liebe.
Donnerstag, 22. November 2012
Von der Rede über das Scheitern und den glücklichen Autisten.
Alle Mitglieder haben sich versammelt. Die Kunde vom Ende hat sich herumgesprochen und langsam setzt sich die Erkenntnis des Scheiterns in den Köpfen der Menschen. Jetzt wartet man nur noch auf den rituellen Abgesang des hohen Priesters, der doch so sichere Erwartungen verkörperte und dem man so gerne geglaubt hat. Das ist er also: der Unterschied zwischen einem Plan und einer Hoffnung. Ein Plan hängt nicht von anderen ab, sonst ist er eine Hoffnung. Verständlicher pflegte es meine Oma zu sagen: „Junge, verlässt Du Dich auf andere, dann biste verlassen.“ Oma war viel schlauer, als ich es jemals werde. Das wird mir schlagartig klar, als ich in die betretende Runde schaue und über den Zusammenbruch nachdenke.
Ich hätte Oma jetzt gern gefragt, wie sie es mit der primordialen Sozialität hält. Denn wir alle werden geboren, leben und sterben in einer Gesellschaft und es bleibt gar nicht aus, dass wir uns an irgendeinem Punkt mit den anderen Anwesenden auseinandersetzen müssen. Das ist dann meistens vor allem eins: kompliziert. Das Verhalten der Menschen rechts und links neben mir ist nämlich schwerlich zu berechnen. Die Anderen haben die lästige Eigenschaft ebenfalls autonom zu handeln. Täten sie das nicht, dann wäre vieles einfacher. So muss man sich fragen, ob der soziale Autist nicht ein viel schöneres Leben führt, da er gar nicht von seinen Mitmenschen enttäuscht werden kann. Tatsächlich scheint mir interpersonales Vertrauen einer Wette zu entstammen, der man sich nicht entziehen kann. Gefangen im Wettbüro des Lebens lässt es sich aber nur aushalten, wenn man manchmal auch gewinnt. Anders gesagt: Wenn das Gefühl entsteht, dass sich Vertrauen in ein Miteinander lohnt. Der Gewinn kann dann z.B. ein sorgenfreieres Leben sein, da sich Mehrdeutiges in Einfachheit auflöst. Meine Gedanken dürfen sich ein Stück langsamer drehen, weil ich meinen Blick vertrauensvoll auf eine bestimmte Zukunft richte und die Fallstricke am Wegesrand ausblenden kann.
Doch manchmal verliert man auch. Das ist dann besonders bitter. Die sicheren Erwartungen werden von der Realität eingeholt und mit ihr kommt das Scheitern. Es folgt die Zeit für Alternativen und geschäftiges Hin und Her, als ob sich die Zukunft innerhalb von 24 Stunden festlegen ließe. Dazu gesellt sich der Vorwurf der Naivität, angesichts der Ungewissheit und Undurchsichtigkeit der Gegebenheiten so blindlings vertraut zu haben. Die Welt fällt aus der Form und jede Beileidsbekundung macht es nur noch deutlicher. Die alte Ordnung ist dahin, ihr Alltag wirkt nun seltsam fremd und man fühlt sich in ihm nicht mehr „Zuhause“. Man möchte das Bett eigentlich nicht mehr verlassen.
Wie kann Aufstehen gelingen? Wie überwinde ich diese Krise? Hansjörg Siegenthaler lässt mich wissen, dass „die Krise zunächst nicht dadurch beigelegt wird, dass die Welt realiter in Ordnung gebracht würde, sondern ebenso, dass man sie in einer Weise in die Ordnung des Denkens rückt, die dem Einzelnen den Ort wieder klar macht, den er in ihr hat [...]“. Die Welt muss wieder in eine Form gebracht werden, oder um es mit Helmuth Plessner zu sagen: Form heißt „Gleichgewicht“. Dafür braucht es das Gespräch. Dafür braucht es die Anderen. Dafür braucht es das Miteinander.
Freitag, 19. Oktober 2012
Der Mensch, das musternde Wesen
»Von den verschiedenen Betrachtungsweisen der Welt ist eine der interessantesten die, sie sich aus Schemata [patterns, i.O.] zusammengesetzt zu denken.« (Nobert Wiener (1952): Mensch und Menschmaschine, S.15)
Ohne viel Aufhebens meinte neulich, nach Abschluss eines Kennenlerngesprächs, nicht ohne etwas Empörung in der Stimme, jemand zu mir: »Der hat dich ja ganz schön gemustert!« Was der alltägliche Sprachgebrauch an Vokabeln überhört, hinterlässt in schriftlicher Betrachtung ein anhaltendes Staunen – zumindest bei mir. Was meinte die Person damit? Was hat die angezeigte Person denn getan? Was hatte die betroffene Person – also ich – auszuhalten? Ohne Zweifel scheint es eine nicht gänzlich ungewöhnliche Situation gewesen zu sein. Ein Gespräch mit Fragen und Antworten, Denkpausen – gewollt/ungewollt –, kleineren Scharmützeln und Indiskretionen. Hinter dem Begriff der Frage allein steht freilich eine ganze Typologie, die zwischen völliger Belanglosigkeit, Böswilligkeit und Interesse bis Gier vermittelt. In diesem Falle waren es hauptsächlich Nachfragen oder auch Suggestivfragen, die zum einen nur Zur-Schau-Stellung des Wissens, zum anderen eigene Positionierungen aufdecken sollten. Wenngleich kein polizeiliches Verhör, so doch unangenehm.
Sonntag, 15. Januar 2012
»Der Aufstand der Dinge«
»Auf Wissen und Können, auf Wort und Werkzeug beruht die Macht, die den nackten, wehrlosen Menschen zum Herrscher über alles Lebende auf Erden gemacht hat.« (Eyth:1924:12)
»Der ›Logos‹ selbst, als Ausdruck der eigentümlichen Geistigkeit des Menschen, erscheint somit hier nicht lediglich in ›theoretischer‹, sondern in ›instrumentaler‹ Bedeutung. Und darin liegt zugleich implizit die Gegenthese beschlossen, daß auch in jedem bloß stofflichen Werkzeug, in jedem Gebrauch eines materiellen Dinges im Dienste des menschlichen Willens, die Kraft des Logos schlummert.« (Cassirer:1930:26)
Sonntag, 24. Juli 2011
»Isch bin Hermannplatz« - Der Raum schlägt zurück
Dort las ich von »institutionalisierte Figurationen auf symbolischer und materieller Basis, die das soziale Leben formen und die im kulturellen Prozess hervorgebracht werden«. Das kann verstehen wer will. Doch wie verstand es meine schwarzhaarige Schönheit in der U7?
Ich glaube, ihr wurde in einem Moment absoluter Klarheit bewusst, dass die Dinge, die Menschen und ihre Handlungen in ihrer Anordnung den Raum bilden. In dem transitorischen Vehikel Untergrundbahn konnte die geheimnisvolle Dame eine grundlegende metaphysische Erkenntnis erzielen. Raum heißt sozialer Raum. Genauer gesagt: er ist Prozess. Raum finden wir nicht einfach vor, sondern gestalten ihn mit. Wo ich die räumlichen Grenzen ziehe, hängt ganz entscheidend von meiner Wahrnehmung und meiner Erfahrung ab. Denn ein homogener Raum, der für alle und jeden gleich wäre, muss erst noch gefunden werden.
Die U-Bahn-Begegnung zeigte mir: Es gibt mehr als einen Raum! Deshalb müsste der Begriff eigentlich immer im Plural stehen. Ich war ja schließlich auch Hermannplatz. Zumindest stieg ich dort zu. Aber bin ich wirklich Hermannplatz? Ich weiß es nicht. Auf keinen Fall bin ich Rosenthaler Platz, denn dafür trinke ich zu wenig Latte macchiato. Gerne wäre ich mal Friedrich-Wilhelm-Platz, aber die Zeiten sind ja vorbei. Ich denke, ich bin wohl eher so Wittenbergplatz: so etwas neutrales halt, aber ganz gut angebunden.
Mein Gegenüber war hingegen völlig Hermannplatz. Ich glaube, hätte ich sie gefragt, ob sie gerne Hermannplatz ist, dann hätte sie das sicherlich bejaht. Wie las ich es bei Martina Löw noch so lehrreich:
»Identitätszuschreibung erfolgt über die Eingliederung in Räume sowie umgekehrt Raum nicht mehr von der Aktivität des Konstituierens und damit von einer Handlungspraxis losgelöst werden kann.«Doch weit mehr als bei Martina erfährt man über den Raum »Hermannplatz« in den schmissigen Liedern von Bass Sultan Hengzt. Ich glaube fast, er hatte eingehend über Raumtheorie kontempliert, als er folgende Zeilen dichtete:
»Du bist hier Fehl am Platz | Ich sehs in deine Augen du hast schiss vorm Hermannplatz Nutte | Du hast vor den Seitenstraßen Angst | Ich mach dass du wie ne Seifenblase platzt«.
Unvergleichlich macht Fabio Ferzan Cataldi alias Bass Sultan Hengzt ganz deutlich wie die Handlungspraxis auf die Konstitution des Raumes und auf die Identitätszuschreibung der Akteure wirkt. Der Hermannplatz wird zum Akteur vor dem man sich fürchten muss. Die Platzsituation in Neukölln ist der Agens und das Individuum der Patiens. Und wenn es Stress gibt, dann holt Hermannplatz noch seine Seitenstraßen und dann geht’s ab. Man möchte da wirklich nicht aussteigen. Es sei denn man kennt Bass Sultan Hengzt. Ich finde, der Deutschrap wird in seiner Tragfähigkeit für die soziologische Theorie unterschätzt. Aber das wäre ein anderer Beitrag.
Schließlich ist noch zu berichten, dass meine geheimnisvolle Schönheit in Neukölln ausstieg. Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von meiner Verabredung mit der Nachfrage, wo ich denn bleibe. Ich versicherte, dass es nicht mehr lange dauern könnte. »Ich bin ja schließlich schon Neukölln.«
Freitag, 29. April 2011
Fleet Foxes - Helplessness Blues
Robin Pecknold:
Samstag, 2. April 2011
Verfahren mit „Erfahren“
»Keine Erfahrung ohne Erwartung, keine Erwartung ohne Erfahrung.« Was machen wir bloß mit unseren Erfahrungen oder was machen sie mit uns?
Man muss aus Fehlern lernen. Jeder kennt diesen Spruch und er ist schnell aufgesagt. »Aus Erfahrung gut« lesen wir. Selbst die Berliner Verkehrsbetriebe machen in ihrer mobilen »Fahr-BAR« Partyspass »erfahr-BAR«.
Das Thema »Erfahrung« zieht Aphorismen an wie ein Hochleistungsmagnet kleine Eisenspäne. Doch was ist eigentlich Erfahrung und wird man aus ihr klug?
Ich musste erfahren, dass mein Wissenszuwachs mittels Erfahrung zumindest in bestimmten Bereichen überschaubar geblieben ist. Ich stürze mich in Beziehungen, obwohl ich weiß, dass die vorherige Verbindung gescheitert ist. Ich trinke zu viel Alkohol, obwohl ich den letzten Kater noch in bester Erinnerung habe. Ja, ich kaufe sogar bei Lidl ein, obwohl ich weiß das es ein durch und durch böser Discounter ist. Was mache ich falsch?
Wohl nichts. Niklas L. aus B. ruft mir zu: „Erfahrung ist die laufende Rekonstruktion der sinnhaft konstituierten Wirklichkeit durch Abarbeitung von Enttäuschungen.“ Was will er mir bloß damit sagen? Niklas und ich verstehen uns nicht immer. Eins glaube ich verstanden zu haben. Erfahrung kann man sammeln, nach Hause tragen und wie alte Legotechnik-Bagger oder Revel-Flugzeuge in dem Regal seiner Erinnerungen verstauen. Doch dieses Regal ist nur ein Provisorium im ständigen Umbau. Laufend stelle ich Dinge um oder verrücke das Regal in meinem Erfahrungsraum.
Erfahrungen sind wandelbar, deshalb werden wir auch nur selten aus ihnen schlau. Das Bier am Freitagabend im Club schmeckt eben doch wieder verführerisch. In gemütlicher Runde erscheint die Erfahrung des alkoholischen Deliriums am letzten Sonntag nicht mehr ganz so übel. Es ist unheimlich.
Es wird noch beklemmender. Die objektive Hermeneutik sagt mir, dass sich hinter meinem Rücken eine latente Sinnstruktur zu schaffen macht. Ich habe mir so etwas schon immer gedacht. Die gesellschaftliche Struktur lebt in mir. Das ist der Stoff aus dem Musicals gemacht sind. Ein schrecklicher sozialwissenschaftlicher Fluch sucht mich heim. Rechtzeitig zum Vollmond verwandele ich mich in die Struktur und ziehe marodierend durch die Straßen Berlins.
Eher nicht. Die Erfahrung findet immer noch im Individuum statt. Ich erlebe Ereignisse und versuche sie anschließend in meine kleine Welt einzuordnen. Dennoch: Die Struktur und ich sind ein ‚sowohl als auch’. Will ich Erkenntnisse aus meinen Erfahrungen ziehen, nutze ich natürlich dazu gesellschaftliche Deutungsmuster und Sinnangebote. Nicht zuletzt bedarf ich der Sprache um meine Erlebnisse auf Begriffe zu bringen. Es leuchtet also ein, dass meine Erinnerung der Erfahrungen von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängt, unter den ich dies tue. Ebenfalls nachvollziehbar ist die Veränderbarkeit der Erfahrung im Lichte meiner Erwartungen.
Hier scheint also der Teufel im Detail zu stecken. Wir scheinen zwar aus unseren Erfahrungen zu lernen, aber eben nur so lange wie wir keine neuen Erwartungen haben. Denn wie ich mir die Zukunft vorstelle, ist immer mehr und manchmal ganz anders, als das, was ich in der Vergangenheit erfahren habe.
Vielleicht kann man deshalb aus Erfahrung nicht klug werden, sondern allenfalls zynisch. Dennoch: das Bier wird davon nicht schlecht. Ich weiß das aus Erfahrung.