Freitag, 19. Oktober 2012

Der Mensch, das musternde Wesen

»Von den verschiedenen Betrachtungsweisen der Welt ist eine der interessantesten die, sie sich aus Schemata [patterns, i.O.] zusammengesetzt zu denken.« (Nobert Wiener (1952): Mensch und Menschmaschine, S.15)

Ohne viel Aufhebens meinte neulich, nach Abschluss eines Kennenlerngesprächs, nicht ohne etwas Empörung in der Stimme, jemand zu mir: »Der hat dich ja ganz schön gemustert!« Was der alltägliche Sprachgebrauch an Vokabeln überhört, hinterlässt in schriftlicher Betrachtung ein anhaltendes Staunen – zumindest bei mir. Was meinte die Person damit? Was hat die angezeigte Person denn getan? Was hatte die betroffene Person – also ich – auszuhalten? Ohne Zweifel scheint es eine nicht gänzlich ungewöhnliche Situation gewesen zu sein. Ein Gespräch mit Fragen und Antworten, Denkpausen – gewollt/ungewollt –, kleineren Scharmützeln und Indiskretionen. Hinter dem Begriff der Frage allein steht freilich eine ganze Typologie, die zwischen völliger Belanglosigkeit, Böswilligkeit und Interesse bis Gier vermittelt. In diesem Falle waren es hauptsächlich Nachfragen oder auch Suggestivfragen, die zum einen nur Zur-Schau-Stellung des Wissens, zum anderen eigene Positionierungen aufdecken sollten. Wenngleich kein polizeiliches Verhör, so doch unangenehm.

Was in dieser Situation in nicht allzu diskreter Weise vollzogen wurde, ist aber unser einzig möglicher Zugang zur Welt. Was in der Betrachtung der Dingwelt zu wissenschaftlicher Anerkennung führt, stößt in der Mensch-Mensch-Kommunikation auf Ablehnung, sobald Akribie und Konsequenz augenscheinlich werden. Wir mustern. Egal in welcher Situation versuchen wir die Wiederholung ausfindig zu machen, die in unsere bisher gemachten Erfahrungen einzuordnen ist. Der Philosoph Oswald Schwemmer erklärte dazu sinngemäß, dass wir die Welt immer durch das Muster unserer gemachten Erfahrungen hindurch wahrnehmen. Wir sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, sprechen, etc. also immer das mit, was wir schon gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, gefühlt, gesprochen, etc. haben. Was für ein Ballast! Es ist informationstechnologisch kaum vorstellbar, was wir dabei im Arbeitsspeicher parat haben müssten. Doch gemeint scheint hier eher das permanente Aktualisieren, Rejustieren oder Zerstören einer sinnstiftenden Ordnung in der Art einer am Ende doch irgendwie abstrakteren Form zu sein. Die körperlichste dieser internen Musterungen ist seit Jahren en vogue und trägt deshalb gerne neudeutsche Namen wie: tacit knowledge oder embodiment cognition. Unsere Erfahrungen sedimentieren also auch in körperlichem, zumindest wohl unbewusstem Wissen, das Handlungskompetenz fast in Form von Reflexen habitualisiert. Unsere interne Musterung (oder sollte man schon Maserung sagen?) ist nicht ausweglos. Immer wieder können wir lernen, uns neu zu strukturieren. Eigentlich erhält dieses System nur in seiner Bewegung Stabilität. Ohne steten Zustrom an Instanziierungen, also Aktualisierungen von etwas, und dem Erkennen deren Abweichungen verlieren wir auf wundersame Weise unsere Prägung. Vielleicht nicht schnell genug für ein Menschenleben, wenn es um das Fahrradfahren oder ähnliche in jungen Jahren erworbene Einprägungen geht, aber in jedem Falle schnell genug, um an Können in ausgefeilteren Techniken einzubüßen, die permanentes Training erfordern. Welch pathologische Ausprägungen unsere Musterungen annehmen können, belegen nicht nur wahnwitzige Auswüchse des Kraftsports, bei denen es scheint, als ob die Betroffenen außer Stoßen und Reißen keine andere Körpertechnik mehr ausführen könnten. Die Psychopathologie des Musterns per se inszenierte Ron Howard in „A Beautiful Mind“ am Beispiel des mathematischen Spieltheoretikers John Forbes Nash, der in der filmischen Adaption der Realperson Russell Crowe zu entsprechen versucht. Nashs Psyche scheitert im Film an den zwangsläufig fehlgehenden Versuchen, alle innerweltlichen Erscheinungen in mathematischen Mustern zu beheimaten. Wie nahe diese Exzentrik trotzdem unserem alltäglichen Blackout ist, wenn Welt und Vorstellung nicht mehr kongruent sind, haben vielfältigste Experimente belegt. Allein das Fehlen eines akustischen Signals (Motorgeräusch) zu einem als zugehörig eingestuften visuellen Signal (fahrendes Auto) kann zum Totalversagen unserer Handlungskompetenz führen. Nur kleine Dosen der Rejustierung unserer internen Landkarte sind also verdaubar, ohne das gesamte Weltbild aus den Angeln zu heben. Möglicherweise sind bestimmte vor-/frühkindliche Prägungen besonders dafür geeignet, wobei sich die Forscher bis heute darüber streiten, ob sie nun genetisch oder sozial vererbt werden – z.B. die Chromakartierung unseres Hörens in Oktaven –, im Falle einer notwendigen Remusterung, zu Systemabstürzen zu führen.

Letztlich wird deutlich, dass der Mensch als musterndes Wesen, also indem er seine Welt in Muster gliedert und wahrnimmt, sich selbst Muster gibt, die wiederum die Welt (be-)mustern. Es ist ein wechselseitig zirkulärer Vorgang dieses Mustern, sowohl nach innen (Selbstbemusterung), als auch nach außen (Weltmusterung) – selbstreferenziell könnte man abschätzig sagen. Doch wie wichtig gut sortiertes und organisiertes Schubladendenken ist, vergegenwärtigen uns alle 99% richtig getroffener Urteile und »Reflexe«, die zu einer Interaktion mit unserer Umgebung führen, die uns weder in ein soziales, noch physisches Verderben stürzen.

Sonntag, 15. Januar 2012

»Der Aufstand der Dinge«

(nach Erhart Kästner: Aufstand der Dinge, Frankfurt/Main 2009)

Lebten wir bisher in einer Welt der Menschen, höchstens noch der Götter, scheint nun Aufruhr nahe. Die Dinge rebellieren. Sie fordern in ganz demokratischem Selbstverständnis ihr Recht auf Mitsprache ein. Bisher hatten wir dies nur in Ansätzen gespürt. Der Herd hat uns schon verfolgt, ist als Ding aufsässig geworden, ganz im Sinne Heideggers, als er uns vor der Haustür zur Umkehr zwang, um uns zu vergewissern, dass er tatsächlich ausgeschaltet ist. Nun werden die Dinge aber immer rücksichtsloser. Der Computer streikt, das Internet funktioniert nicht. Die Dinge stören uns in unserem Alltag. Sie zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie nicht zuhanden sind (Heidegger:2006:§15).Was sind wir bloß ohne unsere Dinge, unserem schlafenden 4.Stand? Die Dinge werden sich ihrer Macht über uns bewusst. Allein unser Blick genügte stets, um die Dinge zur Räson zu bringen, was uns die Toy Stories immer wieder balsamartig beruhigend nahebrachten, in manchem gar die ignorante Idee einer Fiktion aufkeimen ließ. In frühen Zeiten haben wir den Klassenkampf mit unserer Umwelt für uns entschieden. Ja, je unbelebter wir unsere Umgebung machten, je stärker wir die Grenze zwischen dem Mensch und allem anderen zogen, umso beherrschbarer schien uns die Welt. Nun, da wir im festen Glauben der Unumstößlichkeit dieser Weltordnung waren, sind wir plötzlich erschrocken darüber, wie weit uns die Dinge über den Kopf gewachsen sind. Die Komplexität der Dingwelt hat uns abgehängt, die Geister in der Maschine, die Maxwell'schen Dämonen, sie alle führen den Aufstand der Dinge an. Wir sehen uns heute noch nicht als Produkte in einem Weltladen namens »Men'R'Us«. Die Propheten unseres Untergangs sind mit Latour & Co. indes längst gefunden. Doch scheint es erstaunlich, wie lange heimliche Befürchtungen über das Unheil schon schwelten. Max Eyth beschreibt in seinem Vortrag über Poesie und Technik von 1924, wie der nackte, wehrlose Mensch nach dem Sündenfall auf Erden weilt. Eine traurige Gestalt, die nur eine Chance in ihrer beschränkten Ausstattung hat.
»Auf Wissen und Können, auf Wort und Werkzeug beruht die Macht, die den nackten, wehrlosen Menschen zum Herrscher über alles Lebende auf Erden gemacht hat.« (Eyth:1924:12)
Gedanklich kaum mehr als einen Fuß breit entfernt, führt Ernst Cassirer diesen Gedanken weiter:
»Der ›Logos‹ selbst, als Ausdruck der eigentümlichen Geistigkeit des Menschen, erscheint somit hier nicht lediglich in ›theoretischer‹, sondern in ›instrumentaler‹ Bedeutung. Und darin liegt zugleich implizit die Gegenthese beschlossen, daß auch in jedem bloß stofflichen Werkzeug, in jedem Gebrauch eines materiellen Dinges im Dienste des menschlichen Willens, die Kraft des Logos schlummert.« (Cassirer:1930:26)
Das war 1930! Mit Wort und Werkzeug »instrumentalisieren« wir uns zum Herrscher der Welt. Um uns die Natur untertänig zu machen, reichen die Wissenschaften – von den frühesten zu den spätesten – und die Technik aus. Überschwänglich feiert in Zeiten des Klimawandels und der sich dem Ende neigenden Ressourcen diesen Siegeszug keiner mehr. Wir wollen ja lieber wieder den Weg zurück in den Schoß der Natur finden, aber selbstbestimmt, 2.0 wenn man so will, user-generated nature. Doch die nächste, vielleicht letzte Kränkung der Menschheit nach Kopernikus, Darwin und Freud lauert in den Dingen, die wir zur Bezwingung der Natur erfunden haben, selbst. Das ist es, was uns Cassirer wohl sagen wollte, wenn er mutmaßte, dass wir den Logos nicht in die Dingwelt pflanzen, sondern ihn dort bereits vorfinden. Die Vorstellung ist beinahe gruselig, dass wir den »schlummernden Logos« der Materie erst geweckt haben. Wir waren alle ein wenig Dr. Frankenstein. Der Verdacht war schon immer gehegt worden, dass diese Narrative nicht aus dem Nichts auf uns herab fielen. Und nun ist die Spirale wohl nicht mehr aufzuhalten? Je mehr wir die Technik vermenschlichen, je intelligenter wir sie machen, umso näher rückt jener Tag, an dem wir hinter unserem Handeln als prozessierbare Mittler verschwinden und die kreativen Knoten Dinge werden – Entitäten im vollkommenen Sinne. Der Aufstand der Dinge ist wohl doch leiser, als das Science Fiction Genre nahelegte.

Sonntag, 24. Juli 2011

»Isch bin Hermannplatz« - Der Raum schlägt zurück


Es ist wieder passiert. Die Theorie schlägt zurück und drängt sich in mein Alltagsleben. Es ist mit ihr wie mit Fahrschulautos, die man überall sieht, so bald man den Führerschein macht. Nun sitzt sie mir in der U-Bahn gegenüber. Sie hat ein lustig bemaltes Gesicht in dem etwas rechts über der Oberlippe ein metallenes Popelpiercing glitzert. Nein, ich hatte sie mir nicht in weißen Stiefeln und mit langen Fingernägeln vorgestellt, als ich von ihr las. Doch als sie ihr mit Strasssteinchen besetztes Telefon herausholte und dem Anrufer ihre Identität verriet, fiel ich aus allen Wolken. »Isch bin Hermannplatz. Ja, was? ... Na, Hermannplatz. Ok. Bis gleisch.« Da war sie: die Raumtheorie. In nur so wenigen Worten war alles gesagt: »Ich bin Hermannplatz.« So klar und deutlich hatte ich es in keinem der verschrobelten Theorietexte gelesen.
Dort las ich von »institutionalisierte Figurationen auf symbolischer und materieller Basis, die das soziale Leben formen und die im kulturellen Prozess hervorgebracht werden«. Das kann verstehen wer will. Doch wie verstand es meine schwarzhaarige Schönheit in der U7?

Ich glaube, ihr wurde in einem Moment absoluter Klarheit bewusst, dass die Dinge, die Menschen und ihre Handlungen in ihrer Anordnung den Raum bilden. In dem transitorischen Vehikel Untergrundbahn konnte die geheimnisvolle Dame eine grundlegende metaphysische Erkenntnis erzielen. Raum heißt sozialer Raum. Genauer gesagt: er ist Prozess. Raum finden wir nicht einfach vor, sondern gestalten ihn mit. Wo ich die räumlichen Grenzen ziehe, hängt ganz entscheidend von meiner Wahrnehmung und meiner Erfahrung ab. Denn ein homogener Raum, der für alle und jeden gleich wäre, muss erst noch gefunden werden.
Die U-Bahn-Begegnung zeigte mir: Es gibt mehr als einen Raum! Deshalb müsste der Begriff eigentlich immer im Plural stehen. Ich war ja schließlich auch Hermannplatz. Zumindest stieg ich dort zu. Aber bin ich wirklich Hermannplatz? Ich weiß es nicht. Auf keinen Fall bin ich Rosenthaler Platz, denn dafür trinke ich zu wenig Latte macchiato. Gerne wäre ich mal Friedrich-Wilhelm-Platz, aber die Zeiten sind ja vorbei. Ich denke, ich bin wohl eher so Wittenbergplatz: so etwas neutrales halt, aber ganz gut angebunden.
Mein Gegenüber war hingegen völlig Hermannplatz. Ich glaube, hätte ich sie gefragt, ob sie gerne Hermannplatz ist, dann hätte sie das sicherlich bejaht. Wie las ich es bei Martina Löw noch so lehrreich:
»Identitätszuschreibung erfolgt über die Eingliederung in Räume sowie umgekehrt Raum nicht mehr von der Aktivität des Konstituierens und damit von einer Handlungspraxis losgelöst werden kann.«
Doch weit mehr als bei Martina erfährt man über den Raum »Hermannplatz« in den schmissigen Liedern von Bass Sultan Hengzt. Ich glaube fast, er hatte eingehend über Raumtheorie kontempliert, als er folgende Zeilen dichtete:

»Du bist hier Fehl am Platz | Ich sehs in deine Augen du hast schiss vorm Hermannplatz Nutte | Du hast vor den Seitenstraßen Angst | Ich mach dass du wie ne Seifenblase platzt«.

Unvergleichlich macht Fabio Ferzan Cataldi alias Bass Sultan Hengzt ganz deutlich wie die Handlungspraxis auf die Konstitution des Raumes und auf die Identitätszuschreibung der Akteure wirkt. Der Hermannplatz wird zum Akteur vor dem man sich fürchten muss. Die Platzsituation in Neukölln ist der Agens und das Individuum der Patiens. Und wenn es Stress gibt, dann holt Hermannplatz noch seine Seitenstraßen und dann geht’s ab. Man möchte da wirklich nicht aussteigen. Es sei denn man kennt Bass Sultan Hengzt. Ich finde, der Deutschrap wird in seiner Tragfähigkeit für die soziologische Theorie unterschätzt. Aber das wäre ein anderer Beitrag.

Schließlich ist noch zu berichten, dass meine geheimnisvolle Schönheit in Neukölln ausstieg. Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von meiner Verabredung mit der Nachfrage, wo ich denn bleibe. Ich versicherte, dass es nicht mehr lange dauern könnte. »Ich bin ja schließlich schon Neukölln.«

Freitag, 29. April 2011

Fleet Foxes - Helplessness Blues

Lange war es still geworden um die Fleet Floxes. Die Folk-Band aus Seattle hatte 2008 das Revival des Genres maßgeblich mitgestaltet. Nun erscheint ihr lang ersehntes zweites Studioalbum „Helplessness Blues“. Die gleichnamige Single rotiert schon seit ein paar Wochen in der Radiolandschaft, der Longplayer kommt aber erst heute auf den Markt.

Die beruhigende Nachricht zu erst: Die Fleet Foxes bleiben sich treu! Wer Angst hatte, sie würden auf ihrem zweiten Album die Flucht aus ihrer Schublade antreten, der darf aufatmen. Trotz aller Hippie-Stigmatisierung sieht der Frontmann Robin Pecknold keinen Grund zur musikalischen Rebellion.

Robin Pecknold:
"Bei der ersten Platte sagten die Leute immer: 'Oh, Hippies!' Entweder nimmt man es an und denkt: 'Ich möchte nicht, dass die Leute so was noch mal sagen.' Und dann macht man es ganz anders. Oder man sagt sich: 'Mir ist egal was die Leute sagen. Das wollen wir machen und daran glauben wir. Also machen wir es auch!'"

Gesagt, getan? Von wegen, volle drei Jahre hat es gedauert, bis der neue Longplayer endlich im Regal steht. Nach ausgiebigen Touren und einigen Sound-Experimenten wusste Pecknold nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Erst als Joanna Newsom ihn bat, solo ihre Shows zu eröffnen, fand er zurück zum gewohnten Songwriting: starke Texte mit eindringlichen Melodien. Dazu arrangierte die Band vertraute Stilelemente. Die Akustik-Gitarren werden gezupft und der Hintergrundchor haucht offenen Vokalen sakrales Leben ein, bis der stampfende Rhythmus der Kesselpauke einsetzt.


Doch so einfach ist es auch wieder nicht. Nach dem ersten Song „Montezuma“ wird schnell deutlich, dass sich doch etwas geändert hat. Schon im nächsten Lied „Beduin Dress“ fiedelt es neuerdings munter zur Slide-Gitarre. Im Laufe des Albums bekommt man dann eine ganze Reihe neuer Instrumente vorgestellt; unter ihnen sind so exotische wie tibetische Klangschalen oder das Marxophon. Kein Problem für den geneigten Hörer, ein paar Klangexperimente gehören zum zweiten Album eben dazu. Doch dann schrammelt die Akustik-Gitarre auf einmal in bester Woodstock-Orgiastik. Bald staut sich Songfragment an Songfragment zu Collagen von ganzen 8min Länge auf. Spätestens an diesen Stellen werden dem idyllischen Hörvergnügen einige Strapazen zugemutet. Da bekommt die harmonische Nostalgie ihre ersten Risse.

Robin Pecknold:
"Verglichen mit dem ersten Album ist die Platte offener. Es geht nicht darum die Vergangenheit zu idealisieren. Es ist einfach mehr in der Gegenwart. Wir wollten ein Album ohne moderne Einflüsse machen, aber dabei nicht direkt nach den 60ties klingen."


„The Shrine/An Argument“ kann man als Albumminiatur begreifen. In 4 Fragmenten durchlebt man hier nicht nur die Stationen eines dramatischen Beziehungsendes. Man durchschreitet auch das musikalische Repertoire der Fleet Foxes. Neben Simon & Garfunkel und Midtempo-Hymnen bietet das jetzt noch Klangvirtuoses an. Doch bricht die Idylle auch an einigen Stellen auf, bleibt der größte Teil von „Helplessness Blues“ die ersehnte akustische Wohlfühldecke. In „Blue Spotted Tail“ verzichtet man sogar auf den typischen Kirchenhall und Robin Pecknold kriecht einem direkt ins Ohr. Einmal eingenistet, kann er dort auch mal ein paar ganz persönliche Fragen loswerden.

"Why in the night sky are the lights on?"
"Why is the earth moving round the sun?"
"Why is life made only for to end?"

Robin Pecknold:
"Mir war es sehr wichtig, dass die Texte auf der Platte deutlicher und direkter sind. Das wollte ich im Vergleich zum ersten Album anders machen, denn da waren die Texte nicht für jeden klar. Selbst mir waren sie nicht immer klar verständlich. Für diese Art von Musik ist es gut, klare Bedeutung hinter den Sachen zu haben. Das war diesmal mehr ein Fokus als auf dem letzten Album. Also Texte, die mehr aussagen als nur zu dem Vibe und dem Gefühl der Musik zu passen."

So entstehen autobiographische Erzählungen, in denen die Wirklichkeitstreue äußerst ernst genommen wird: „I saw you among the crowd in a geometric patterned dress.“ Viel nüchterner kann man die Begegnung mit dem Objekt der Begierde wohl nicht beschreiben. Von seinen Inspirationsquellen der 60er und frühen 70er Jahre löst sich Pecknold damit endgültig ab. Die waren nämlich – allen voran Bob Dylan – stets damit beschäftigt, sich so gut wie möglich eindeutigen Interpretationen zu entziehen. Dem lyrischen Gehalt von „Helplessness Blues“ schadet diese Herangehensweise nicht. Die Fleet Foxes haben die Bedürfnisse ihrer Fans fest im Blick, auch in Bezug auf ihre Live-Show. Denn sie wollen nicht nur, dass die Leute verstehen, was sie mitsingen, sondern auch der vergeistigten Bewegungsfeindlichkeit vorbeugen. Schmissige Uptempo Nummern wie „Grown Ocean“ haben das Potential, den Besuchern Mumford&Sons-Momente zu bescheren. 


Robin Pecknold:
"Ich denke, dass es muskulöser sein wird. Wir wissen, wie sich das Album anhören soll, wenn es die Leute zu Hause hören. Aber wir hatten auch in unserem Hinterkopf, wie wir die Songs live raushauen. Es wird lustig werden, sie dann laut und verrückt live zu spielen. Das wird eine intensivere Live-Erfahrung werden."

Zum Laut- und Verrücktsein haben die Fleet Foxes in den nächsten Monaten mehr als genug Gelegenheit. Ihre Welttournee bringt sie Ende Mai auch nach Deutschland. Bis dahin sollte man die Zeit nutzen, um sich tiefer und tiefer in „Helplessness Blues“ hineinzuhören. So ohnmächtig, wie der Albumtitel behauptet, ist die Musik der Fleet Foxes nämlich keineswegs. Auch wenn es insgesamt mehr Aufwand bedarf, sich mit dem Album vertraut zu machen, ziehen den Hörer doch einige Ohrwürmer sofort in den Bann. Von diesen Einfallstoren aus, erschließt sich das ganze Werk dann Stück für Stück. Ein typisches zweites Album eben, etwas facettenreicher und ausdifferenzierter. Was die Einen reifer finden, fehlt den Anderen an Hits. So trennt es fein säuberlich die Fans von den Hype-Anhängern. An Einfühlbarkeit und Harmonie allerdings steht es seinem Vorgänger in nichts nach.

Samstag, 2. April 2011

Verfahren mit „Erfahren“

»Keine Erfahrung ohne Erwartung, keine Erwartung ohne Erfahrung.« Was machen wir bloß mit unseren Erfahrungen oder was machen sie mit uns?


Man muss aus Fehlern lernen. Jeder kennt diesen Spruch und er ist schnell aufgesagt. »Aus Erfahrung gut« lesen wir. Selbst die Berliner Verkehrsbetriebe machen in ihrer mobilen »Fahr-BAR« Partyspass »erfahr-BAR«.

Das Thema »Erfahrung« zieht Aphorismen an wie ein Hochleistungsmagnet kleine Eisenspäne. Doch was ist eigentlich Erfahrung und wird man aus ihr klug?

Ich musste erfahren, dass mein Wissenszuwachs mittels Erfahrung zumindest in bestimmten Bereichen überschaubar geblieben ist. Ich stürze mich in Beziehungen, obwohl ich weiß, dass die vorherige Verbindung gescheitert ist. Ich trinke zu viel Alkohol, obwohl ich den letzten Kater noch in bester Erinnerung habe. Ja, ich kaufe sogar bei Lidl ein, obwohl ich weiß das es ein durch und durch böser Discounter ist. Was mache ich falsch?

Wohl nichts. Niklas L. aus B. ruft mir zu: „Erfahrung ist die laufende Rekonstruktion der sinnhaft konstituierten Wirklichkeit durch Abarbeitung von Enttäuschungen.“ Was will er mir bloß damit sagen? Niklas und ich verstehen uns nicht immer. Eins glaube ich verstanden zu haben. Erfahrung kann man sammeln, nach Hause tragen und wie alte Legotechnik-Bagger oder Revel-Flugzeuge in dem Regal seiner Erinnerungen verstauen. Doch dieses Regal ist nur ein Provisorium im ständigen Umbau. Laufend stelle ich Dinge um oder verrücke das Regal in meinem Erfahrungsraum.

Erfahrungen sind wandelbar, deshalb werden wir auch nur selten aus ihnen schlau. Das Bier am Freitagabend im Club schmeckt eben doch wieder verführerisch. In gemütlicher Runde erscheint die Erfahrung des alkoholischen Deliriums am letzten Sonntag nicht mehr ganz so übel. Es ist unheimlich.

Es wird noch beklemmender. Die objektive Hermeneutik sagt mir, dass sich hinter meinem Rücken eine latente Sinnstruktur zu schaffen macht. Ich habe mir so etwas schon immer gedacht. Die gesellschaftliche Struktur lebt in mir. Das ist der Stoff aus dem Musicals gemacht sind. Ein schrecklicher sozialwissenschaftlicher Fluch sucht mich heim. Rechtzeitig zum Vollmond verwandele ich mich in die Struktur und ziehe marodierend durch die Straßen Berlins.

Eher nicht. Die Erfahrung findet immer noch im Individuum statt. Ich erlebe Ereignisse und versuche sie anschließend in meine kleine Welt einzuordnen. Dennoch: Die Struktur und ich sind ein ‚sowohl als auch’. Will ich Erkenntnisse aus meinen Erfahrungen ziehen, nutze ich natürlich dazu gesellschaftliche Deutungsmuster und Sinnangebote. Nicht zuletzt bedarf ich der Sprache um meine Erlebnisse auf Begriffe zu bringen. Es leuchtet also ein, dass meine Erinnerung der Erfahrungen von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängt, unter den ich dies tue. Ebenfalls nachvollziehbar ist die Veränderbarkeit der Erfahrung im Lichte meiner Erwartungen.

Hier scheint also der Teufel im Detail zu stecken. Wir scheinen zwar aus unseren Erfahrungen zu lernen, aber eben nur so lange wie wir keine neuen Erwartungen haben. Denn wie ich mir die Zukunft vorstelle, ist immer mehr und manchmal ganz anders, als das, was ich in der Vergangenheit erfahren habe.

Vielleicht kann man deshalb aus Erfahrung nicht klug werden, sondern allenfalls zynisch. Dennoch: das Bier wird davon nicht schlecht. Ich weiß das aus Erfahrung.



Mittwoch, 12. Januar 2011

Vorbeigefahren


„Die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr, sondern Farbflecken, oder vielmehr rote oder weiße Streifen; es gibt keinen Punkt mehr, alles wird Streifen; die Getreidefelder werden zu langen gelben Strähnen; die Kleefelder erscheinen wie lange grüne Zöpfe; die Städte, die Kirchtürme und die Bäume führen einen Tanz auf und vermischen sich auf eine verrückte Weise mit dem Horizont […].“
– Victor Hugo (1837)


alle Fotos von Lasse Müller

Victor Hugos Beschreibung der Topografiewahrnehmung bei der Zugreise fand ich in Wolfgang Schivelbuschs Geschichte der Eisenbahnreise[1]. Schivelbusch beschreibt darin unter anderem wie sich im 19. Jahrhundert die Sicht der Menschen auf die Welt im Reisen verändert hat. Der dort entfaltete Begriff des panoramatischen Sehens ist ein Beispiel für diese Transformation. Durch die schnelle und konstante Bewegung der Eisenbahn rollt sich die Landschaft vor unserem Auge aus und wir erhalten über diese einen Überblick. Das Detail weicht dem »Großen Ganzen« der Umgebung. Der Vordergrund geht verloren und abstrahiert sich. Beim Reisen per pedes oder mit einer Kutsche ist das Individuum Teil der Vordergrundes und des landschaftlichen Gesamtraumes, während er sich bei der Bahnreise durch die enorme Geschwindigkeit aus diesem Raum begibt. Es schiebt sich eine „fast wesenlose Schranke“ zwischen den Reisenden und dem Raum.[2]

Inspiriert durch diese Ausführungen stellte ich mir die Frage, ob sich Schivelbuschs Erkenntnisse im Reisen mit dem Auto wiederfinden lassen. Auch wenn die Bewegung des Automobils nicht so absolut vorgegeben ist, wie das bei der Eisenbahn der Fall ist, so kann man doch von einem panoramatischen Blick beim Autofahren sprechen. Das Auto in seiner modernen Entwicklung und die Fahrt auf Autobahnen trennen den Reisenden vom Transitraum. Auch wenn man prinzipiell beim Autofahren mehr Einflussmöglichkeiten auf die Perspektive hat und die Bewegung stoppen kann, ist der Blick beim Fahren mit dem der Eisenbahnreise zu vergleichen.

In der Photographie sah ich eine Möglichkeit diesen Blick festzuhalten, der sonst nur in der Bewegung selbst erfahrbar ist. Die Kamera machte mir bewusst, was ich gar nicht mehr hinterfrage, da ich daran schon gewöhnt bin: das schnelle, kontinuierliche Aufeinanderfolgen von Reizen und das Ineinanderfließen von Bildern, die für sich kaum mehr wahrnehmbar sind. Im Vordergrund sind sie verschwommen und nicht nachfolgbar und in der Ferne zieht langsam das Panorama vorbei.
Den Bildern folgte eine weitere, eigentliche banale Erkenntnis. Sie machten mir klar, dass jeder Raum zeitliche und lokale Eigenheiten besitzt, die trotz der abstrahierenden durch die Bewegung verursachten Verzerrungen erkennbar bleiben, ja geradezu destilliert werden. Farbflecken auf den Photographien, die aus der individuellen Farblichkeit des Ortes resultieren, geben Hinweise auf die Vegetation und Jahreszeit. Linien und Strukturen die in der Bewegung zu Formen verfremdet werden deuten die Topografie und Architektur eines Ortes an.

Die Bilder der Serie zeigen Mittelfinnland im Sommer. Die festgehaltenen Orte sind vom sommerlich saftigen Grün der alles dominierenden Wälder bestimmt. Selbst die Tausend Seen sind oft nur durch einen grünen „Vorhang“ wahrnehmbar. Die Wälder verdecken die Sicht auf die Seen. Trotz der wilden Vegetation zeigen sich im Raum zwischen dem Panorama und dem abstrahierten Vordergrund immer wieder Spuren der Zivilisation: Strommasten, Bushaltestellen, Häuser und manchmal sieht man in diesem spärlich besiedelten Land auch Menschen.

Beim Vorbeifahren wirkt dies wie eine Zusammenfassung der kulturellen Gegebenheiten und Eigenheiten des Landes. Die Reisewahrnehmung filtert diese scheinbar heraus – warum scheinbar? Man muss immer noch anhalten und aus dem Auto aussteigen um das Land und die Menschen die darin Leben wirklich kennenzulernen. Zum Glück ist dies mit dem Auto fast immer möglich.


[1] Schivelbusch, Wolfgang: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, München 1977, S. 54.
[2] Schivelbusch, S. 61.